Fleischmeier vs. Steinhauer — Sprachkritik an der Sprachkritik

Frank-Walter Steinmeier auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2014 Foto: Kleinschmidt / MSC Lizenz: CC BY 3.0 DE

Jan Fleischhauer schreibt in seiner Kolumne für Spiegel online über die sprachlichen Mängel des Bundespräsidenten. Das ist irgendwie lustig, wenn man selbst so spricht wie Fleischhauer, bei dem eine Größe selbstverständlich nur eine „Größenordnung“ sein kann. Die Kolumne ist aber ohnehin nur eine einzige Behauptung, denn Beispiele für seine These, Herr Steinmeier spräche nur in Floskeln, bringt Fleischhauer fast keine. Er hängt sich in erster Linie an der zugegebenermaßen fürchterlichen Formulierung „wir müssen uns ehrlich machen“ auf. Steinmeier hat rhetorisch hörbar viel von Schröder gelernt und dessen Lieblingsverb war dieses macherhafte machen. Fleischhauer räumt ein, dass er den Gedanken mit dem ehrlich machen von Malte Lehming aus dem Tagesspiegel abgeschrieben hat. Er meint: „Der korrekte Satz wäre gewesen: ‚Wir müssen ehrlich sein‘. Aber das hätte bedeutet, dass wir vorher nicht ehrlich waren.“ Das ist, mit Verlaub, Unfug, denn man kann sehr wohl anhaltend etwas sein, was man schon war, nicht aber sich zu etwas machen, das man schon ist. Lehming macht in seinem Beitrag denselben Fehler, führt aber wenigstens weiter aus, warum das ehrlich machen eine Formulierung sei, die über die bisherige Unehrlichkeit elegant hinwegtäuschen soll.
Ich habe die Rede von Steinmeier dann wohl oder übel auch gelesen und finde sie gar nicht so miserabel. Sie liegt im Rahmen dessen, was bei einer Einheitsfeier vom Bundespräsidenten erwart- und denkbar ist. Der Vergleich mit der Mauer ist doch gar nicht so unpassend. Aber Fleischhauer feixt: „Wahrscheinlich fand Steinmeier schon das Bild der Mauer wahnsinnig gewagt.“ So gewagt wie das Bild von „Heerscharen von Politikern“ die in Ohnmacht fallen? Bei Fleischhauer stehen so plumpe Sätze wie „Der Grund, warum Steinmeier unser Bundespräsident ist, ist ein Versehen“ (entweder er ist es aus Versehen oder es hat einen Grund) neben Schwurbeligkeiten dieser Art: „Die Erregung über die Provokationen von rechts ist auch deshalb so groß, weil wir der Provokation entwöhnt sind.“ Eine leere Behauptung, die man gerne erläutert bekäme, aber natürlich sehr schön, dieses „der Provokation entwöhnt“. Wahrscheinlich sagt Fleischhauer auch morgens zu seiner Frau (die echt mal kurz nicht wusste, wer momentan Bundespräsident ist): Schatz, ich bin des Kaffees überdrüssig.
Wegen dieser Entwöhntheit von Provokation jedenfalls fallen die Heerscharen in Ohnmacht, wenn Gauland die Kanzlerin jagen will. Dabei (Achtung, Floskel:) „reicht ein Gang ins SPIEGEL-Archiv, um festzustellen, dass der Urheber dieser skandalösen Äußerung nicht Alexander Gauland heißt, sondern Ludger Volmer.“ Es kommt aber eben nicht nur auf die Worte an, sondern auch darauf, wie man etwas sagt und nur weil schon mal jemand jagen gesagt hat, bedeutet das nicht, dass Gauland einem keine Angst machen sollte. Und deswegen war auch Nahles’ Fresse-Spruch ganz und gar anders zu bewerten als der des AfD-Spitzenkandidaten.
Dafür, dass Fleischhauer über Floskelsprache zu schreiben behauptet, fällt seine Ausbeute an Floskeln mit 1 recht gering aus. Aber er beherrscht solche Sätze: „Nicht die Talkshows haben die AfD groß gemacht oder die Medien oder das schlechte Wetter, sondern die Unfähigkeit von Leuten wie Steinmeier, der AfD etwas entgegenzusetzen.“ Gut, ich hätte auch nicht gedacht, dass die Talkshows die Medien oder das schlechte Wetter groß gemacht haben. Da Talkshows aber einer der Orte sind, wo alle Beteiligten ihre Floskeln und Provokationen absetzen, kann es meines Erachtens nicht ganz falsch sein, sie in die Analyse mit einzubeziehen.

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Kleine Typologie der Fastnachtsverkleidungen

Der Beau

Er nutzt die Verkleidung, um besonders elegant auszusehen. Die Fastnacht ermöglicht ihm eine Gewandung, die im normalen Leben übertrieben wirken würde, auch wenn der Beau am Liebsten immer so herumliefe. Der Beau trägt vielleicht ein Piratenkostüm mit üppigem Spitzenkragen und Dreispitz oder er ist ein Vampir im wehenden Mantel, gerne auch Geheimagent oder alles, was es einem erlaubt, auch innerhalb von Gebäuden die Sonnenbrille aufzulassen. Er blickt sich beständig nach Bewunderern oder Damen zum Flirten um.

Der Bürger

Der Bürger nimmt als Mainzer Urgestein selbstverständlich an der Fastnacht teil. Er geht zu verschiedenen Sitzungen und kennt persönlich Menschen im Vorstand des MCV. Man erkennt den Bürger daran, dass er elegant gekleidet ist und einen dunklen Mantel trägt. Die Zugehörigkeit zum Narrenvolk drückt er durch einen Schal in den Fastnachtsfarben aus, gerne ergänzt um ein Zugplackettche. Alternativ hat er ein Herz auf der Wange. In weiblicher Gestalt trägt der Bürger (dann „die Bürgerin“) gerne eine Federboa und ein Hütchen oder gleichfalls einen Fastnachtsschal.

Der Chaot

Tritt in Rudeln auf. Fast immer trägt der Chaot einen weißen Einweg-Maler-Overall, der üblicherweise mit Edding beschriftet ist. Gelegentlich steckt er aber auch in einem Fell, sei es ein Bären-, Kuh- oder Monchichi-Kostüm. Er wirkt tapsig und alles andere als elegant, womit er quasi das Gegenteil vom Beau darstellt. Bereits zu früher Stunde ist sein Anzug verschmutzt und nass, was auch damit zu erklären ist, dass er hochprozentige Mischgetränkte in 1,5l-PET-Flaschen mit sich führt.

Der Kriminelle

Der Kriminelle ist gewissermaßen die Steigerung des Chaoten. Er macht sich nicht die Mühe der Kostümierung, er trinkt und randaliert in seiner Zivilkleidung und im Schutze des allgemeinen Ausnahmezustands. Der Kriminelle ist auf Schlägereien aus, für die er insbesondere im Chaoten einen dankbaren Partner findet.

Der Authentische

Der Authentische verkleidet sich als das, was er eigentlich sowieso gerne sein will. Häufig kommt er aus dem Bereich der Live-Rollenspieler und Mittelaltermarkt-Bewohner, gelegentlich ist er aber auch Anhänger einer seltenen Sportart oder eines skurrilen Hobbies. Er freut sich über die Gelegenheit, sein aufwendiges und wertvolles Outift zur Schau zu stellen, fühlt sich andererseits aber auch etwas unwohl in seiner Haut, weil ihm nicht der gebührende Ernst entgegengebracht wird. Er bleibt daher unter seinesgleichen und guckt etwas trotzig auf das bunte Treiben.

Der Einfallslose

Die Verkleidung des Einfallslosen ist komplett von der Stange. Sie stellt eines der bekannten Klischees dar (Krankenschwester, Pirat, Indianer, Disco-Stu) und darf nicht zu verrückt wirken. Größere Aufbauten, viel Schminke oder übermäßige Albernheiten sind nicht erwünscht. Sehr viele Einfallslose kann man bei der Übertragung von „Mainz bleibt Mainz“ sehen, da sich die gesellschaftlichen Größen im Publikum nicht allzu weit vom Erwartbaren entfernen wollen.

Der Engagierte

Oft in ganzen Familien auftretend, basteln die Engagierten schon Wochen vor Rosenmontag ihre Kostüme. Kiloweise Pappmachè, Quadratmeter an Stoff, Plaka-Farbe, Draht, Tüll, Plastiktüten und Luftballons werden verarbeitet, um ganze Raumschiffbesatzungen, Schlumpfkolonnen, Vulkanlandschaften oder Dinosauriersippen zum Leben zu erwecken. Die Engagierten machen allen viel Freude, sind allerdings selbst oft bewegungsunfähig und müssen die Süßigkeiten am Boden liegen lassen (gelegentlich landen aber Bonbons in ihren ausladenden Konstruktionen).

Hat Donald Trump eine narzisstische Persönlichkeitsstörung?

Spoiler: Ich weiß es nicht

Spoiler 2: Wenn ich es wüste, würde ich es nicht sagen

Diagnosen im Umlauf

Momentan kursiert ein Artikel, in dem von einem Manifest des amerikanischen Psychotherapeutenverbandes die Rede ist und davon, dass man bei Herrn Trump eine maligne narzisstische Persönlichkeitsstörung festgestellt habe. Bei genauem Lesen haben die 1000 Unterzeichner des Manifestes lediglich vor Trumps Politik und einer gesellschaftlichen Entwicklung gewarnt. Eine Diagnose hat nur ein einziger Therapeut, ein Herr Gardner, öffentlich von sich gegeben. Dennoch entsteht der Eindruck, eine große Zahl von Psychotherapeuten habe eine eindeutige Diagnose gestellt. Das muss diskutiert werden.
Psychiater, Psychologen, Psychotherapeuten sollen eigentlich keine Diagnosen über öffentliche Personen in Umlauf bringen (Goldwater-Regel). Ich halte diese Regel für richtig. Es gibt dafür verschiedene Gründe. Zunächst ist sehr fraglich, ob es möglich ist, eine zutreffende Diagnose aus der Ferne zu stellen. In der Psychiatrie hat man es sowieso immer mit Grauzonen zu tun. Es gibt diagnostische Manuale und wissenschaftliche Übereinkünfte. Aber die Bewertung von Symptomen oder die Kategorisierung eines Verhaltens überhaupt als Symptom unterliegt immer einem Interpretationsspielraum. Und oft genug findet man Auffälligkeiten, die sich in keine der schönen Kategorien pressen lassen. Das heißt nicht, dass der Psychiater oder Psychotherapeut es sich einfach machen kann und den Versuch, eine Diagnose zu stellen, über Bord werfen sollte. Es heißt auch nicht, dass es nicht oft genug sehr eindeutige Fälle gäbe. Aber die Intuition und Erfahrung des Untersuchers spielen eine wichtige Rolle. Und es bedeutet, dass psychiatrische Diagnosen grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen sind.

Empathische Gespräche

Dies gilt umso mehr, wenn man den Betroffenen nicht persönlich kennt. Das Bild, das jemand öffentlich von sich präsentiert, unterscheidet sich üblicherweise gehörig von der privaten Seite einer Person. Außerdem gehört zur psychiatrischen Untersuchung eben nicht nur die Verhaltensbeobachtung. Viel wichtiger ist das empathische, vertrauensvolle Gespräch. Ich muss mich in den Betroffenen einfühlen, ihn dazu bringen, mir sein Innenleben anzuvertrauen, die Motive für das beobachtbare Verhalten verstehen. Ich muss ihn auch ganz praktisch und konkret nach bestimmten Informationen fragen. Schon im Arztgespräch erzählen die Patienten ohne Nachfrage viele Dinge nicht spontan. Um wieviel mehr gilt dies für die Äußerungen, die sie als Prominente in der Öffentlichkeit machen? Menschen bagatellisieren, beschönigen, täuschen sich, schämen sich, belügen sich selbst. In all dem ein halbwegs objektives Bild zu gewinnen, bedeutet, sich auf ein langes, einfühlsames Gespräch einzulassen.
Damit dürfte klar sein, dass man keine seriöse Diagnose stellen kann, wenn man den “Patienten” nur aus dem Fernsehen kennt. Hat man mit dem Betroffenen aber wirklich in oben beschriebener Weise gesprochen, dessen Vertrauen gewonnen, dann hat man eine Beziehung zu ihm aufgebaut. Dies geht nur, weil es die Schweigepflicht gibt.
Würde ich also Herrn Trump gut genug kennen, um zu wissen, ob er an einer Persönlichkeitsstörung leidet, würde ich mich dazu nicht äußern. Weil ich dann an meine ärztliche Schweigepflicht gebunden wäre.

Das Licht unter den Scheffel gestellt

Zu kritisieren ist dieses öffentliche Diagnostizieren auch, weil es oben beschriebene Mühen diskreditiert. Wie sollen Psychotherapeuten rechtfertigen, was sie normalerweise tun, welchen Aufwand sie bei Begutachtungen oder Erstgesprächen treiben, wenn sie jetzt plötzlich, weil es ihnen politisch pressiert, so einfach zu einem Ergebnis kommen können? Warum sollten sie es nicht beim nächsten Kandidaten wieder tun? Wollen sie den Eindruck erwecken, sie könnten Gedanken lesen? Wollen sie sagen, dass ihre Testverfahren, ihre Gesprächstechniken, ihre Selbsterfahrungen alle unnötig sind?

Darf ich also keine private Meinung zur Persönlichkeit des Präsidenten äußern, nur weil ich Psychiater bin? Ich denke doch. Ich kann sagen – wenn ich das meine – , dass Herr Trump selbstverliebt und gemeingefährlich und ich-bezogen und unsympathisch ist. Das ist eine Meinung, wie sie auch andere formulieren würden. Aber wenn ich als Experte auftrete und Fachbegriffe verwende, nutze ich meine Stellung und meinen Wissensvorsprung aus und trage die Verantwortung dafür.

Diagnose als Waffe?

Falsch finde ich solche Äußerungen auch, weil sie dazu dienen, den ungeliebten Politiker mit Hilfe einer Diagnose zu diffamieren. Damit werfe ich Dreck nicht auf Herrn Trump, sondern auf die Menschen mit Persönlichkeitsstörungen. Gerade die Narzissten sind besonders schwierige Zeitgenossen. Sie wirken arrogant, sind schnell gekränkt, sie greifen einen an. Es erfordert viel Geduld und ein gutes Verhältnis zum eigenen Ego, mit ihnen zu arbeiten. Aber die wahrhaft narzisstisch Gestörten (im nicht-diffamierenden Sinne des Wortes) sind auch sehr bedauernswerte Menschen. Sie sind fragil und gefährdet. Ihre verzweifelten Bemühungen, ihr kümmerliches Selbstbild aufrecht zu erhalten, sind störanfällig und gelegentlich bizarr. Der erfolgreiche Narzisst wirkt grandios. Aber derjenige, den wir wirklich als krank bezeichnen, den wir in der Therapie sehen, ist der gescheiterte narzisstische Mensch. Der vor Angst gelähmt ist, weil die Konfrontation mit der Welt seine Unzulänglichkeit offenbaren könnte. Der schwer depressiv ist, weil seine Strategien, mit denen er sein Ego zu kitten versucht hat, nicht mehr greifen. Es tut diesen Menschen Unrecht, wenn wir internationale Großverbrecher und Möchtegern-Diktatoren mit dem Namen ihrer Krankheit zu beleidigen versuchen.

Ab wann ist man krank?

Dies führt zum letzten Punkt: Die voreilige Kategorisierung jedes Narziss‘ als narzisstisch Gestörten bedeutet auch eine Desinformation und Übetreibung. Psychotherapeuten unterliegen der Gefahr, aus allem eine Störung zu machen. Wenn einem die seelischen Mechanismen so geläufig sind, die menschliches Verhalten erklären, gesundes wie krankes, dann läuft man Gefahr, alles pathologisch zu sehen. Da sich die Wissenschaften von der Psyche aus der Krankheitslehre entwickelt haben, sind ihre Begriffe allzu häufig mit denen von krankhaften Prozessen identisch. Man kann ein gesundes Verhalten durchaus damit erklären, dass es dem narzisstischen Gleichgewicht einer Person dient. Im gesunden Falle heißt das nichts anderes, als dass ich etwas tue, das mein Selbstwertgefühl stärkt. Doch der Reflex liegt nahe, jemanden als narzisstisch (lies: narzisstisch gestört) zu bezeichnen, obwohl sein Verhalten vielleicht noch gar keinen Krankheitswert hat.
Und das gilt es bei der aktuellen Betrachtung genau anzuschauen. Die Liste mit Symptomen ist auf Trump schnell angewendet:

  • hat ein grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit (übertreibt etwa Leistungen und Talente, erwartet ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden)
  • ​ist stark eingenommen von Phantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Brillanz, Schönheit oder idealer Liebe
  • glaubt von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen oder hochgestellten Menschen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder mit diesen verkehren zu müssen
  • benötigt exzessive Bewunderung
  • ​legt ein Anspruchsdenken an den Tag, d. h. hat übertriebene Erwartungen auf eine besonders günstige Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen
  • ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch, d. h. zieht Nutzen aus anderen, um eigene Ziele zu erreichen
  • ​zeigt einen Mangel an Empathie: ist nicht bereit, die Gefühle oder Bedürfnisse anderer zu erkennen/anzuerkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren
  • ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn
  • zeigt arrogante, hochmütige Verhaltensweisen oder Ansichten

Aber das alleine macht noch keine Persönlichkeitsstörung aus. Entscheidend ist der Zusatz, dass das Verhalten „merklich von den Erwartungen der soziokulturellen Umgebung abweicht“ und „in klinisch bedeutsamer Weise zu Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen führt“.
Ob ein Mann, der gerade zum Präsidenten gewählt wurde, von den Erwartungen der Gesellschaft abweicht, kann man zumindest diskutieren. Dass er in seiner beruflichen Funktionsfähigkeit beeinträchtig ist, wird jedenfalls schwer zu behaupten sein. Man möchte als normal-fühlender Mensch nicht in seiner Nähe sein. Aber er hat Freunde und Frauen und Geschäftspartner. Man mag spekulieren, wie falsch diese Beziehungen sind (und aktuelle Videos weisen darauf hin). Aber die wirklich beeinträchtigten Menschen, die verlieren ihre Jobs, die haben keine Freunde, die werden von ihren Familien verlassen. Ich bin überzeugt, dass so etwas gemeint ist, wenn von „bedeutsamer Beeinträchtigung“ die Rede ist.
Ich weiß nicht, wie es in diesem Mann aussieht. Gut möglich, dass er sehr gestört ist. Vielleicht kommen all die genannten Funktionsbeeinträchtigungen und das Leiden erst zum Vorschein, wenn er das erste Mal scheitert. Vielleicht fällt er in eine Depression, wenn er (hoffentlich bald) abgesetzt wird. Vielleicht hat es sich nur noch nicht offenbart. Aber dass es sich schon offenbart hätte, halte ich für eine unzulässige Behauptung.
Vielleicht ist er ja auch einfach nur ein Narziss, kein Kranker.

Der kleine König vs Connie – Eine Betrachtung über die Frage, wen man dringender vierteilen möchte

Wir wollen hier erörtern, wer auf grausamere Weise die Nerven zermürbt, der Kleine König oder Connie. Wir beschränken uns bei dieser Betrachtung auf die Hörspielfassungen, wie man sie auf längeren Autofahrten zu hören gezwungen wird. Eine Vielzahl weiterer Formate, wie Bücher oder Zeichentrickfilme, werden aus der Untersuchung ausgeschlossen.

Beginnen wir mit einer kurzen Darstellung der Untersuchungsgegenstände. Es handelt sich in beiden Fällen um Geschichten für Vorschulkinder, die serienweise erscheinen und breitbasig vermarktet werden.

Der Kleine König ist ein ca. fünfjähriger Regent von minderer intellektueller Begabung, der eine kleine Zahl Tiere als Untertanen hält. Er bekommt von einem namenlosen Erzähler Geschichten über sich selbst dargeboten, wobei unklar bleibt, inwieweit diese Nacherzählungen realer Ereignisse sind oder fiktiver Natur. Die Umwelt des Kleinen Königs bleibt schemenhaft, es scheint keine Eltern zu geben, keine Dienstboten, die die Versorgung sicherstellen würden, keine Erziehungsberechtigten. Lediglich eine Cousine taucht regelmäßig auf, auf die wir noch zu sprechen kommen werden.

Connie ist ein ehrgeiziges, ja leistungsfetischistisches Akademikerkind, das mit seiner idealen Familie in einem weißgetünchten Einfamilienhaus lebt. Connie schwimmt, reitet, macht Ballett, spielt Fußball, fährt Ski und Fahrrad und liest. Connies Mutter ist die perfekte Pädagogin, immer herzlich, aber auch sehr klar in ihren Ansichten und Grenzen. Der Vater ist etwas vertrottelt und zeichnet sich durch Vergesslichkeit und Zerstreutheit aus. Connie hat einen kleinen, gesichtslosen Bruder namens Jakob, der je nach Bedarf in Erscheinung tritt oder gar nicht zu existieren scheint. Zwecks Maximalvermarktung gibt es Connie-Geschichten für jede Altersklasse, vom frühen Kindergarten bis zum präpubertären Pferdealter.

Wer nervt also mehr?

Die Hörspiele sind gleichermaßen lieblos aber professionell produziert, insofern wir nicht mit Versprechern der Schauspieler oder Klangartefakten rechnen müssen. Spannung, Leidenschaft, Nachdenklichkeit oder Doppelsinn sind gleichfalls nicht zu erwarten.

Der Kleine König zeichnet sich in seiner Unerträglichkeit zuvorderst durch eine als terroristisch zu bezeichnende auditive Attacke aus. Er selbst spricht mit verstellter Stimme, die Hans Clarin nicht mit einer Kneifzange angefasst hätte. Der Erzähler spricht wie ein normaler Mensch und stellt somit eine Insel der Ruhe dar. Als eine der wenigen anderen Personen, der die kostengünstige Produktion eine eigene Schauspielerin zur Verfügung stellt, taucht  die erwähnte Cousine auf. Sie hat einen Sprachfehler. Alle weichen Konsonanten spricht sie hart aus. Dies tut sie mit einer tapsigen Piepsestimme. „Ich pin sso klücklich, kleiner Könik!“ Für eine Picosekunde klingt das ganz goldig, wenn man eine sentimentale Seite hat. Ab dann überlegt man sich Methoden, das Kind zum Schweigen zu bringen, die irgendwie mit der Menschenrechtskonvention vereinbar sind.

Doch das ist harmlos. Auf jede erdenkliche grausame Weise töten möchte man vielmehr den Tonmann. Die Produzenten des Kleinen Königs haben einen Irren mit einem Keyboard engagiert, den man ohne weitere Überprüfungen mit dem Auftrag „verton’ das mal“ alleine gelassen hat. Und so wird man ununterbrochen von einem surrealistischen, überdrehten Klangteppich überrollt, der immer absurder wird, je genauer man lauscht. Eine bizarre Kakophonie, als würden die Teletubbies ein Bild von Hieronymus Bosch vertonen. Im Sekundentakt erklingen Fanfaren, Pfeiftöne, Doioioings, Klirren, Klimpern, Akkorde, Tuschs, Quitschen, Klatschen, absteigende Tonleitern, Glockenspiele, Pferdewiehern und Tröten. Mittels dieses tonalen Dauerbeschusses wird jede noch so lapidare Entwicklung der ohnehin lapidaren Geschichte kommentiert.

„Der Kleine König trank Apfelsaft. Gluckgluckgluck. Dann aß er ein Brötchen.  Doioioing. Tatatata. Hallo, – Tusch – sagte der Kleine König. Rattatatat.“ Auf diese Weise geht es weiter und weiter und weiter in völliger Willkürlichkeit. So ergibt das Gluckgluckgluck beim Apfelsaft noch Sinn, während der Wahnsinnige mit der frei flottierenden Sounddatenbank für das Brötchen einen Springfederklang aussucht. Da man an Schauspielern spart, werden die Handlungen der Nebenfiguren in narrativen Zusammenfassungen durch den Erzähler geschildert. Dies untermalt man freilich mit vage passenden Geräuschen, etwa irgendein hektisches Klappern für eine aufgeregt plappernde Person et cetera.

Dingdong.

Mit diesen Informationen ausgestattet, kann sich der Leser selbst ein Bild vom audiophoben Massaker machen, das sich uns beschert, als einmal das Durcheinander einer unbeaufsichtigen Schulklasse dargestellt wird. Ein vorläufiger Höhepunkt der Reihe.

Pluspunkt: die Geschichten sind inhaltlich so belanglos, dass man sich an ihnen nicht reiben muss und gelegentlich blitzt sogar ein wenig kindgerechter, aber ganz liebenswerter Humor auf. Etwa, wenn der Kleine König eine Diät machen will und leider, leider seine unverschämte Hand immer ganz ohne sein Zutun die Süßigkeiten in den Mund stopft.

Kommen wir also zu Connie. Wir vermuten, dass hier ein größeres Budget dahinter steht als beim Kleinen König. Die Geräusche werden jedenfalls mit mehr Sinn für die Dosis-Wirkungs-Beziehung eingesetzt als dort. Es gibt ein Set wiederkehrender Töne und Jingles, die oftmals unpassend erscheinen und für sich genommen bereits einen zu berücksichtigenden Nervfaktor besitzen. Schwerwiegender ist aber die Tatsache, dass die Connie-Hörspiele eigentlich die wiederverwerteten Tonspuren der Zeichentrickfilme sind. Was sich aus den Dialogen nicht ergibt, wird von einem neunmalklugen Erzähler ergänzt. Typischweise sind schlecht gemachte Zeichentrickfilme aber ohne jedes Gefühl für Timing ausgestattet. Die Figuren bewegen sich seltsam geisterhaft und bei Interaktionen kommt es zu unnatürlichen Verzögerungen. Etwas geschieht, es folgt ein träger Schnitt auf ein Gesicht und drei Sekunden später zeigt das Gesicht ein plakatives Staunen, gerne unterlegt von einem „Hö?“ oder einem der oben erwähnten Jingles. Es wäre interessant, aber nicht hier zu betrachten, was der extensive Konsum solcher artifiziellen Interaktionen mit der kindlichen Seele macht. Jedenfalls verstärkt sich der unangenehme Effekt, wenn die Bilder dazu fehlen. Es gibt in den Connie-Hörspielen immer wieder momente aversiv erlebter Stille oder zusammenhangloser Geräusche, die einen verwirren.

Aber das ist ja nicht das Problem. Das Problem an Connie ist diese unerträgliche affirmative Vernünftigkeit. Connie ist der kleinste gemeinsame Nenner bundesrepublikanischer Mittelschichtwahrheit. Die in Teilzeit arbeitende Mutter. Das Haus mit Garten und Garage, in dem ein kraftstoffsparendes Auto steht, ich möchte wetten, es ist ein Skoda. Die stets pädagogisch korrekten Eltern. Bei Connie ist nichts jemals ironisch, doppeldeutig, geheimnisvoll oder auch nur spannend. Selbt als Connie eine Katze zuläuft und die Frage im Raum steht, ob sie sie behalten kann, ist es von vorneherein eine Katze, die verschenkt werden soll. Der geneigte, auch kleine, Zuhörer kann mit etwas Logik darauf schließen, dass man eine zum Verschenken ausgeschriebene Katze vermutlich behalten darf. Woran es hängt, ist einzig dieses: Connie muss versprechen, sich immer gut um das Tier zu kümmern, sie muss einsehen, dass ein Tier auch viel Arbeit bedeutet und fortan Zeit und Kraft in dessen Fürsorge investieren.

Und genau so läuft praktisch jede Connie-Folge ab: Ein Zufallsereignis führt ein Thema ein, sei es Schwimmen, Fußballspielen oder Reiten. Connie entwickelt daraufhin den großen Wunsch nach diesem Betätigungsfeld, übt sehr fleißig, fährt eventuell mit den Eltern in ein Einkaufszentrum, um passendes Equipment zu besorgen (oder kriegt es vom Großvater geschenkt), übt noch ein bisschen, um schließlich – „Endlich kam der große Tag“, sagt der Sprecher dann – bei einer Prüfung, einem Spiel oder einer Vorführung zu triumphieren. Try-Fail-Cycles, das verbreitete dramaturgische Mittel, bei dem der Held an einer Sache mehrmals scheitert, bevor er es endlich schafft, gibt es bei Connie kaum. Scheitern ist nicht vorgesehen. Connie ist fleißig und hat dann Erfolg. Sie ist die kindgewordene Bologna-Reform.

Connie ist nicht Hello Kittie. Und die Eltern in den Skodas und den Jack-Wolfskin-Jacken wollen ihre Kinder nicht gendern. Deshalb ist klar, dass sie Fußball spielt und keine rosa Kleider trägt. Warum sie dann dennoch auch reitet und Ballet macht? Weil Connie ein seelenloser Zombie ist, der geschröpft wird und weil eine konsistente Figur nicht von Interesse ist. Pferde- und Balletmädchen sind auch im Vorgartenmillieu ein riesiger Markt und der wird mitgenommen. Und die kleinen Leserinnen und Leser haben ja selbst an sechs Nachmittagen in der Woche irgendeinen Kurs.

Stefan Gärtner hat unlängst in seinem Kritischen Sonntagsfrühstück festgestellt, dass das verdummte Marketingsprech der Werbung längst auch ins Kinderbuch Einzug gehalten hat und Kühe „ein perfektes Urlaubsziel“ suchen (http://www.titanic-magazin.de/news/gaertners-kritisches-sonntagsfruehstueck-absolut-8041/). Und wenn Connies Mutter sagt: „Dahinten ist ein Spielplatz, wollt ihr den gemeinsam entdecken?“, dann möchte man ihr zurufen: „Wenn die Lage des Spielplatzes schon bekannt ist, kann man ihn nicht mehr entdecken, du perfektes Urlaubsziel, du!“ Sie meint natürlich erkunden, aber auch das sagt kein normaler Mensch.

Connie verhält sich zu Pippi wie G.G. Anderson zu G.G. Allin, schrieb ich an anderer Stelle. Der musikhistorisch weniger bewanderten Leserschaft sei erläutert, dass G.G. Anderson ein Schlagersänger ist, während der Punkrocker G.G. Allin versucht hat, die Grenzen der Provokation auf der Bühne über die Dehnbarkeit des guten Geschmacks und menschlicher Körperöffnungen hinaus zu, äh, dehnen.

Wie beantworten wir also nun die Ausgangsfrage? Es hängt von der Fähigkeit des Rezipienten ab, die Ohren auf Durchzug zu stellen. Wer darin einigermaßen gut ist, sollte den Kleinen König vierteilen und Connie hören. Denn der Kleine König aktiviert mit den permanenten Alarmtönen die Arousal-Funktion in der Formatio reticularis und macht es auch dem talentiertesten Weghörer unmöglich abzuschalten.

Wer das aber ohnehin nicht kann und somit dem Inhalt ausgeliefert ist, der wird wesentlich dringender Connie vierteilen wollen.

Entscheiden Sie selbst.

Und ich lese jetzt, wie Pippi Langstrumpf die Polizisten auf dem Dach der Villa Kunterbunt versauern lässt.